Zur Frage "Rüde oder Hündin" schreibt Rosemarie Wild in dem Buch "Labrador Retriever" folgendes:

Die Entscheidung ob Rüde oder Hündin hängt von verschiedenen Faktoren ab, die wir kurz zusammen anschauen müssen. Allgemein in Betracht zu ziehen sind die Anlagen und Instinkte, die der Hund mit sich bringt, und welche die unterschiedlichen Verhaltensweisen von Rüde und Hündin erklären.

Ganz zuvorderst steht der Arterhaltungstrieb, an den Fortpflanzungs- und Überlebenstrieb gekoppelt sind. Nun wissen wir, dass diese Anlagen durch Hormone gesteuert sind, und der Hund, weil er nicht begrifflich denken kann wie der Mensch, diesen Trieben ausgeliefert ist

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Diese Stimmungen und Verhaltensweisen sind in ihrer Art und Intensität bei einem Rüden und bei einer Hündin unterschiedlich und können in gewissen Situationen im Alltag für den einen Besitzer problematisch - für den anderen jedoch überblickbar bleiben.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Größenunterschied, resp. die Kräfteverhältnisse. Ein Rüde kann es locker auf 45 kg bringen (die Mittelwerte liegen zwischen 35 und 45 kg), bei der Hündin liegen sie zwischen 28 und 34 kg.

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Dem Rüden wird nachgesagt, dass er zärtlicher und feinfühliger als die Hündin sei, die Hündin dagegen härter im Nehmen. Pauschal kann man das nicht so sagen, hier gilt es zu differenzieren, denn der biologische Auftrag beim Rüden und bei der Hündin ist verschieden.

Der Rüde wird, wenn sein Sexualtrieb durch eine hitzige Hündin geweckt wird, alles daran setzen, sein arteigenes Fortpflanzungsverhalten auszuleben.Dann liegt es am Hundebesitzer, seinen Rüden täglich zu fordern, damit er ihn auch in diesen heiklen Momenten im Griff hat. Dazu ist ein sorgfältig aufgebautes Sozialverhalten gegenüber Artgenossen von entscheidender Bedeutung, d.h. ein Rüde sollte von klein auf den Umgang mit anderen Rüden gelernt haben. Dann wird man auch aufkeimendes Machogehabe in normale Bahnen lenken können.

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Ein Rüde ist ein sensibles Wesen, der in punkto Zärtlichkeit der Hündin einiges voraus hat. Das liegt darin, dass die Hündin für die Aufzucht eines Wurfes enorm gefordert wird und manchmal hart durchgreifen muss. Damit will ich nicht sagen, dass die Hündin nicht zärtlich ist, sie ist nur anders. Sie ist auch sanftmütig, aber eben härter im Nehmen. Bei innerartlichen Auseinandersetzungen können Rivalitäten zwischen Hündinnen gefährlicher sein als bei Rüden, die sehr oft, um ihr Ego zu befriedigen, nur ein fürchterliches Imponiergehabe zur Schau stellen, um anschließend wieder friedlich zur Tagesordnung zurückzufinden.

Die These, dass Hündinnen einfacher zu halten sind, mag in Hinblick auf die Arterhaltung stimmen, da bei der Hündin die dafür zuständigen Triebe nur während den Läufigkeiten, die sie in der Regel zweimal im Jahr durchläuft, ausgelöst werden.

Hormonelle Schwankungen vor, während und nach der Läufigkeit können die Hündin psychisch sehr belasten und einen negativen Einfluss auf ihr momentanes Verhalten haben. Sie kann während dieser Zeit über Wochen instabil und weniger belastbar sein. Dann liegt es am Besitzer, sie durch diese für sie schwierige Zeit zu lotsen.

Da hat es der Rüde etwas einfacher. Wenn sein Fortpflanzungstrieb ausgelöst wird und er ihn ausgelebt hat, kehrt er in die Normalität zurück, wenn er aus dem Bereich der "interessanten Dame" gebracht wird. Kann er das nicht, kann es durchaus passieren, dass er tagelang die Nahrung verweigert.

Somit ist bei der Wahl ob Rüde oder Hündin auch Ihre unmittelbare Nachbarschaft ein Thema: Wenn in Ihrer Straße von zehn Hunden acht Hündinnen sind, dann wird es für einen Rüden schwierig, denn die Läufigkeiten der Nachbarhündinnen werden sich über das ganze Jahr verteilen.
Quelle: Rosemarie Wild "Labrador Retriever - das große Rassehandbuch"